HOFFNUNG

Die Sonne ist da. Sie wird nicht müde
und steht jeden Tag von neuem auf.
Menschen stehen auf,
sie glauben an den neuen Tag.
Menschen sehen die Sonne aufgehen,
sie spüren die Wärme ihrer Strahlen,
und sie glauben wieder an das Licht.

Die Hoffnung ist da.
Es gibt noch Kinder mit lachenden Augen.
Es gibt noch viele Menschen,
unter deren Haut ein Herz schlägt.
Mit jedem guten Menschen auf der Welt
geht eine Sonne der Hoffnung auf.

Einander Hoffnung geben heißt:
einander Mut machen, einander Leben geben.
Wir können die Wüste nicht auf einmal verändern,
aber wir können anfangen mit einer kleinen Oase.
Wo eine Blume wieder blühen kann,
werden eines Tages tausend Blumen blühen.

Phil Bosmans (1922 – 2012), belgischer Ordenspriester, Telefonseelsorger und Schriftsteller

DAS LICHT IN DER DUNKELHEIT

Wenn ich im Dunkeln bin
und keinem dafür die Schuld zuweise

Wenn ich das Dunkel zulasse
und nicht davor fliehe

Wenn ich das Dunkel aushalte
und dabei die Hoffnung nicht verliere

Wenn ich das Dunkel lebe
und trotzdem die Liebe leben lasse

Wenn ich das Dunkel achte
weil ich Teil des Dunkels bin

Wenn ich mich in das Dunkel hinein begebe
aus Mut zum Leben

Dann leuchtet mitten im Dunkel
ein Licht, das den Weg weist

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Phil Bosmans, Anselm Grün, Andrea Schwarz
Für jeden leuchtet ein Stern


GLAUBEN-HOFFNUNG- LIEBE

Ich möchte Glauben haben,der über Zweifel siegt, der Antwort weiß auf Fragen und Halt im Leben gibt.

Ich möchte Hoffnung haben für mich und meine Welt, die auch in dunklen Tagen die Zukunft offenhält.

Ich möchte Liebe haben, die mir die Freiheit gibt, zum andern Ja zu sagen, die vorbehaltlos liebt.

Herr, du kannst alles geben, dass Glauben in mir reift, dass Hoffnung wächst zum Leben, und Liebe mich ergreift.

Text und Melodie: Eberhard Borrmann 1977

ES IST WAS ES IST

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
 
Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
 
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe
 
Erich Fried

VEREINSAMT



Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n —
Wohl dem‚ der jetzt noch — Heimat hat!

Nun stehst du starr‚
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt — entflohn?

Die Welt — ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor‚
Was du verlorst‚ macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich‚
Zur Winter-Wanderschaft verflucht‚
Dem Rauche gleich‚
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg’‚ Vogel‚ schnarr’
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! —
Versteck’‚ du Narr‚
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei’n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei’n‚
Weh dem‚ der keine Heimat hat!

Friedrich Nietzsche

(1844 – 1900), Friedrich Wilhelm Nietzsche, deutscher Philosoph, Essayist, Lyriker und Schriftsteller

FAHREWOHL

Fahrewohl

Den Linden ist zu Füßen tief
Das dürre Laub geblieben;
Am Himmel steht ein Scheidebrief
Ins Abendrot geschrieben.

Die Wasser glänzen still und kühl,
Ein Jahr ist drin ertrunken;
Mir ist ein schauernd Grabgefühl
Ins warme Herz gesunken.

Du schöne Welt! muss wohl ich bald
In diese Blätter sinken,
Dass andres Herz und andrer Wald
Die Frühlingslüfte trinken?

Wenn du für meines Wesens Raum
Ein Bessres weißt zu finden,
Dann lass mich aus dem Lebenstraum
Rasch und auf ewig schwinden!

Gottfried Keller

TRÜBES WETTER

Es ist ein stiller Regentag,
So weich, so ernst, und doch so klar,
Wo durch den Dämmer brechen mag
Die Sonne weiß und sonderbar.

Ein wunderliches Zwielicht spielt
Beschaulich über Berg und Tal;
Natur, halb warm und halb verkühlt,
Sie lächelt noch und weint zumal.

Die Hoffnung, das Verlorensein
Sind gleicher Stärke in mir wach;
Die Lebenslust, die Todespein,
Sie ziehn auf meinem Herzen Schach.

Ich aber, mein bewusstes Ich,
Beschau das Spiel in stiller Ruh,
Und meine Seele rüstet sich
Zum Kampfe mit dem Schicksal zu.

Gottfried Keller 1819-1890

DER ENGEL

Irgendwie beängstigend sich vorzustellen, welch massiver Unterschied zwischen unseren Welten doch besteht.

Der Engel …

»Wo bist du hin? Noch eben warst du da –
Was wandtest du dich wieder abwärts, wehe,
nach jenem Leben, das ich nicht verstehe,
und warst mir jüngst doch noch so innig nah.

Ich soll hinab mit dir in deine Welt,
aus der die Schauer der Verwesung hauchen,
ins Reich des Todes soll ich mit dir tauchen,
das wie ein Leichnam fort und fort zerfällt?

Wohl gibt es meinesgleichen, eingeweiht
in eure fürchterlichen Daseinsstufen…
Doch ich bin’s nicht. Nur wie verworrnes Rufen
erschreckt das Wort mich Eurer Zeitlichkeit.

Lass mich mein Haupt verhüllen, bis du neu
mir wiederkehrst, so rein, wie ich dich liebe,
von nichts erfüllt als süßem Geistestriebe
und deinem Urbild wieder strahlend treu.«

Christian Morgenstern (1871-1914